Lasst uns nicht bei anderen die Schuld für die Ambiguitäten von offenen Gesellschaften suchen... Wir alle sind Teil des selben Spiels!
Torsten Weber • 1. Januar 2026

Ambiguität hat es immer gegeben, oder doch nicht? War früher alles besser? Oder war es schlimmer? Oder war es vielleicht besser und schlimmer zugleich? Was sehen wir? Was wollen wir überhaupt sehen? Wovor verschließen wir die Augen? Was passiert, wenn unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Leben, unterschiedlichen Persönlichkeiten und unterschiedlichen Wünschen unterschiedliche Schlussfolgerungen ziehen, wenn sie die gleichen Dinge beobachten?
Hier 3 Ambiguitäten, die mich zum Nachdenken bringen:
- Fußball-Kneipe (Frankfurt, jedes Wochenende): Nach einem Dutzend Wiederholungen in Zeitlupe aus allen Perspektiven. Die eine Hälfte der Gäste schreit, dass dies der eindeutigste Elfmeter sei, den die Welt je gesehen hätte. Die andere Hälfte keift wütend zurück, dass in der Geschichte des Fußballs dafür noch nie ein Elfmeter gegeben worden sei. Und selbst einen Tag später, wenn sich die Emotionen gelegt haben, beteuern gebildete Erwachsene aus beiden Fan-Lagern, dass ihr eigener Verein systematisch benachteiligt würde. Seit Jahren schon.
- G20-Gipfel (Johannesburg, November 2025): Die Europäer sind sich irgendwie einig, dass es mit der Welt den Bach runtergeht. Die Afrikaner frohlocken, dass es endlich aufwärts gehen wird. Selten in meiner beruflichen Karriere als Konflikt-Mediator und Facilitator habe ich im gleichen Raum so unterschiedliche Level von Energie, Zuversicht und Selbstwirksamkeit gespürt.
- Die meisten von uns (überall, täglich): Die meisten von uns wollen, dass öffentliche und private Institutionen uns vor allen Risiken und vor allem Bösen in der Welt beschützen. Und gleichzeitig beklagen wir die ausufernde "Bürokratie" und machen diese für alles verantwortlich, was schlecht läuft.
In offenen, pluralistischen Gesellschaften kann Demokratie ihrer schieren Natur wegen nicht anders sein als uneindeutig. Sie kann sogar verwirrend wirken. In jedem Fall ist Demokratie immer: Unkomfortabel!
Leider glauben viele Bürgerinnen und Bürger heute, dass Demokratie eine riesige Shopping-Mall sei oder ein Amazon-Call-Center. Mit komfortabler „Convenience“ als einzigem dominanten Handlungsprinzip.
„Ich will alles! Sofort! Ich will, dass Politik und Verwaltung auf meine individuellen Bedürfnisse eingehen. Natürlich ohne dass ich selbst irgendetwas beitragen muss.“
Jahrzehnte des Konsumerismus mit Narrativen à la „Der Kunde ist König“ haben uns korrumpiert. Unser Konsumenten-Muskel wurde aufgepumpt. Unser Bürger-Muskel verkümmerte. Ein wenig Trump ist in uns allen.
(inspiriert vom ägyptischen Surrealisten Georges Henein, 1930er Jahre, Zeitz MOCAA, Cape Town 2017)
Selbstverständlich braucht unsere pluralistische Demokratie ein Upgrade und Anpassungen an die technologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Niemand widerspricht, dass radikale Reformen nötig und dringend sind. Aber wir sollten uns ehrlich machen: Die größten Hindernisse für eine revitalisierte Demokratie sind NICHT nur die anderen!
Demokratie hängt zuallererst von uns selbst ab. Und davon, wie wir unsere eigenen (primitiven) Instinkte managen und wie wir mit der schmerzhaften „Nicht-Convenience“ von Veränderung umgehen.
Ich wünsche uns allen in diesem Jahr, dass wir unsere Ambiguitätstoleranz trainieren, dass wir aufhören, die Schuld bei anderen zu suchen und ja, really, dass wir „Nicht-Convenience“ als unerlässlichen Change-Katalysator in Demokratien umarmen.
Herzlichst
Euer Torsten
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